Seit mehr als vierzig Jahren darf ich Menschen als Coach, Trainer, Therapeut oder Mentor durch ihr Leben begleiten. Auf meinen zahlreichen Reisen durch die verschiedensten Kulturen, Traditionen und politischen Systeme begegnete ich engagierten Politikern, renommierten Wissenschaftlern und immer wieder Hüterinnen und Hütern alter Wissens- und Weisheitstraditionen. Von ihnen allen durfte ich lernen, erhielt tiefe Einblicke, erfuhr Initiationen und nutzte diese um mehr und mehr als Mentor zahlreicher Menschen zu wirken. Durch mein Engagement in Expertenkreisen für seelische Gesundheit kam es zu Vortragsreisen und Workshops in Deutschland und weit darüber hinaus. Die Entwicklung des Self-Effectiveness-Systems, die Begleitung von Menschen in der "Inneren Arbeit" und die Gründung des Refugiums vor 25 Jahren sind Folge und Resultat einer langjährigen Bewußtseinsbildung.

Die Facetten unseres Lebens: Freude und Trauer, Krisen und Glück, Enttäuschung, Trennung und Abschied, Zukunft und Vergangenheit stellten dabei auch mich immer wieder vor die Frage:

“Wer bin ich? Was bin ich? Was ist meine Lebensaufgabe und welchen Sinn macht mein Leben? Wo komme ich her und, noch wichtiger, wo will ich hin? Was sind meine Lebensziele, was meine Potentiale, meine Stärken und Schwächen? Wie werde ich erfolgreich und vor allem, wie bleibe ich es? Wie kann ich Liebe leben? Wieglückliche und erfüllende Beziehungen gestalten? Welche meiner Einstellungen und Bewertungen sind unverzichtbar, welche sollte ich ändern und wie kann ich mich von unterdrückenden Normen und Fremdbestimmung frei machen? Was kann oder muss ich tun, um in meinem Körper, meiner Seele, meinem Geist und damit in meinem eigenen Leben oder auch in der Umwelt Gesundheit, Wohlbefinden und Zufriedenheit herstellen und erhalten zu können? Und, sehr wichtig, wie finde ich Frieden und was ist mein Beitrag dazu?“

Jeder, der sich nicht ausschließlich von materiellen Wünschen, Angst, Leistungsdruck und Erschöpfung bestimmen lässt, stellt sich irgendwann einmal diesen Fragen und gelangt zu der Erkenntnis: Es gibt Zeiten im Leben, da gilt es aufzubrechen, sich auf den Weg zu machen und den nächsten Entwicklungsschritt zu tun. Wer jedoch in Routine und Stagnation verharren will, dem wird der Imperativ „Aufbruch!“ möglicherweise fremd bleiben. Wer aber lebendig bleibt und wach, der kommt in seinem Leben um Auf- und Umbrüche nicht herum. Ist das, was viele als Krise erleben, in Wirklichkeit nichts anderes als ein Aufbrechen? 

Heutzutage brechen viele Menschen innerlich auf, wollen und können sich nicht mehr damit abfinden, was ihnen Elternhaus, Schule, Kirche, Politik und andere als Ideen, Ideale und Problemlösungen vorschlagen. Sie fragen nach dem Sinn ihres Tuns, suchen nach Orientierung, wünschen Gemeinschaft. Sie glauben an etwas, das größer ist als sie selbst, fragen nach höheren Gesetzen, nach Spiritualität, nach Wahrheit und damit nach Rückbindung. 

Und so wie viele Einzelne erlebt auch unsere Gesellschaft gerade einen Aufbruch. Altes bricht zusammen, um Neuem Platz zu machen, dass mit Macht in die Wirklichkeit drängt. Vieles ist dabei ins Wanken geraten. Wirtschaft, Kirche und ganze Staaten sind in ihrer Substanz bedroht – und wir mit ihnen. Unser westlicher Lebensstil ist von unserem Planeten nicht länger verkraftbar. Längst sind wir an den Grenzen des Wachstums angekommen! 

Vielleicht schüttelt sich der Planet Erde, um die Spezies loszuwerden, die sich fälschlicherweise Homo Sapiens nennt, der wissende Mensch, der aber das Wissen um seine existenzielle Verbundenheit mit der Erde verloren hat. Doch „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, weiß Hölderlin. Eine Besinnung hat begonnen, auf Wesentliches, auf Werte. „Der Wert eines Menschen“, sagte der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi „wird bestimmt durch den Nutzen, den er seinen Mitmenschen bringt. Geboren werden, leben, essen, trinken und schließlich sterben – das kann auch ein Insekt.“

„Du musst Dein Leben ändern“,proklamiert Rainer Maria Rilke in seinem Sonett vom Archaischen Torso Apollos. Und Peter Sloterdijk, der philosophische Pulsmesser unserer Zeit, betitelt eines seiner Bücher genau mit diesem Satz. Was aber bringt uns auf die nächste Stufe der Menschheits-Entwicklung? Wie können wir uns selbst und unsere Gesellschaft transformieren? Hat unsere Gesellschaft, hat jeder einzelne die Kraft zur Transformation? Ziehen wir Konsequenzen? Oder laufen wir in kollektiver Dummheit wie die Lemminge ins Verderben? Werden wir uns wie Phönix aus der (Vulkan)Asche erheben und miteinander aufbrechen in eine gute Zukunft? 

„Die Zukunft gehört der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung. Das muss, das wird die nächste Aufgabe der Menschheit sein“, schreibt Stéphan Hessel, französischer Widerstandskämpfer und Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte, in seiner Streitschrift „Empört Euch“. Mit „Engagiert Euch“ folgte der Aufruf zum Wandel und zum Engagement für eine bessere Welt.

Der Wandel, vor dem wir stehen, ist immens und reicht bis in die tiefsten Tiefen unseres Selbstbildes, unseres Menschenbildes, unseres Weltbildes. „Die Krise, in der wir stecken“, so argumentierte einst der Physiker Fritjof Capra, „ist eine Krise der Wahrnehmung.“ Was wir von der Welt und ihren inneren Gesetzen zu verstehen meinen, scheint nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit zu sein. Es wird immer deutlicher, dass wir auf Grund von Mythen, Überzeugungen und Denkmustern handeln, an denen wir hängen wie verbohrte Ideologen und blinde Fundamentalisten. Neben der Entwicklung neuer ökonomischer und politischer Konzepte geht es deshalb um die Arbeit an unserer Wahrnehmung und an unserem Bewusstsein. Das heißt nichts weniger als die Veränderung unseres Weltbildes: weg von einer materialistischen, mechanistischen, konkurrenzbetonten und wachstumsorientierten Sichtweise hin zu einer ökologischen, kooperativen, partnerschaftlichen, ganzheitlichen und transpersonalen. Auf dieser, zugegeben sehr breiten Ebene, entscheidet sich, ob wir die notwendigen Veränderungen aktiv mitgestalten können oder passiv erdulden müssen. Die schrittweise Entstehung eines neuen Weltbildes – und um nichts anderes geht es – wird aus vielen Quellen genährt, wurzelt aber im besonderen in der individuellen Suche nach neuen Arbeits- und Lebensformen, die ein Mehr an Lebensqualität und Glück über die Befriedigung materieller Bedürfnisse stellt und die untrennbar verbunden ist mit dem Streben nach einem authentischen Leben und der weitverbreiteten Sehnsucht, wieder in Kontakt zu treten mit einer lebendigen Umwelt und sich rückzubinden an eine Mitwelt, die als großer lebendiger Organismus das einzelne Individuum umgibt.

Immer mehr Menschen wollen dabei Teil der Lösung sein und nicht Teil des Problems. Sie ziehen Konsequenzen. Sie leben so bewusst wie möglich. Sie sehen den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Sie finden Befreiung in der Beschränkung und Konzentration auf das Wesentliche. Sie begreifen, dass wir nur gemeinsam stark sind und Dinge positiv verändern können. Sie schließen sich in neuen Gemeinschaften zusammen, digital und real, wählen neue Parteien und verstehen, dass wir mit dem großen Lebewesen Erde auf Gedeih und Verderben verbunden sind – und handeln entsprechend. 

Und ja, Engagement ist dabei nötig und glücklicherweise wieder angesagt. Mehr und mehr Menschen definieren sich über das, was sie geben, und nicht mehr über das, was sie haben. Eine zunehmend größer werdende Anzahl von Menschen will Gerechtigkeit, ein neues Bewusstsein und ein neues Miteinander. Gemeinsam befinden wir uns inmitten eines positiven Wertewandels: weg vom ständigen „ich will“, „ich brauche“ und „ich will haben“, hin zu einem Mehr an Bewusstsein, Spiritualität und Engagement.